Nicht ohne Grund gilt heute das Interview in den meisten Unternehmen als das zentrale Auswahlinstrument bei der Rekrutierung von Führungskräften und Spezialisten. Auch Bewerber bestätigen diesen hohen Wert für ihre Einschätzung des potentiellen neuen Arbeitgebers.
Ablauf und Inhalt des Vorstellungsgespräches entscheiden meist darüber, ob der Bewerber später bereit ist, den angebotenen Job tatsächlich aufzunehmen. Viel häufiger als erwartet sagt der “Traumkandidat” nach ein paar Tagen dann doch wieder ab. Alle sind verblüfft, es war doch eigentlich alles klar. Hat der vielleicht nur seinen Marktwert testen wollen? “Na, dann hätte er sowieso nicht zu uns gepaßt,” beruhigen die “Menschenkenner” dann ihr Gewissen. An die Möglichkeit, dass ihn vielleicht das Gesprächsklima, die Atmosphäre, die ungastliche Art seiner “Gastgeber” oder die unprofessionelle Gesprächsführung zur Absage veranlasst haben, denken viele Interviewer nicht im Traum.
Top Kandidaten nehmen das Interview ernst
Machen wir uns klar: das Vorstellungsgespräch ist keine Einbahnstraße. Es geht nicht nur um tragfähige Informationen zur Beurteilung des Bewerbers. Auch der Kandidat will Antwort auf die Frage, ob er seinen Berufseinstieg, seine weitere Karriere in diesem Unternehmen starten/fortsetzen soll - oder besser nicht. Gerade qualifizierte und selbstbewußte Bewerber nehmen das Interview unter diesem Aspekt außerordentlich ernst. Sie dokumentieren dies durch exzellente Vorbereitung und intelligente Fragen zu Aufgaben, Kompetenzen, Verantwortung der angebotenen Position oder zur aktuellen Situation des Unternehmens.
Ist Ihnen ein solcher Kandidat nicht auch lieber als jener, der nur nach Arbeitszeiten, Essensmarken und Altersversorgung fragt? Schließlich wünschen Sie sich ja keinen Mitarbeiter, der gleichsam “koste es, was es wolle”, den Job haben will, weil er wieder einen Platz auf irgendeiner Gehaltsliste braucht.
Egal, ob es zum Abschluss eines Vertrages kommt oder nicht, es gibt einen wichtigen Aspekt für das Employer Branding des Unternehmens: Bewerber erzählen ihre Eindrücke aus Vorstellungsgesprächen weiter. Ähnlich wie enttäuschte Kunden ihre negativen Wahrnehmungen über ein Produkt weitererzählen (positive viel, viel seltener!), so verbreiten Bewerber ebenso gern, dass“man mich ewig lange warten ließ”, “während des Interviews nicht mal ein Getränk angeboten wurde” oder dass “das Gespräch wie ein Kreuzverhör abgelaufen ist” und “meine Fragen eigentlich nur sehr allgemein beantwortet wurden”.
Bewerber als Multiplikatoren für’s Arbeitgeber-Image
Das macht deutlich: Das Vorstellungsgespräch vermittelt auch ein Stück Unternehmenskultur und Professionalität des Interviewers. In unseren Seminaren zu diesem Thema versuche ich immer wieder bewusst zu machen: auch oder gerade der Bewerber, den Sie nicht anheuern, sollte von Ihrem Unternehmen einen positiven Eindruck mitnehmen. “Die haben mich zwar nicht eingestellt, aber das ist ein ganz toller Laden.” Wenn er das weitererzählt, stärkt das Ihr Image als Arbeitgeber im Bewerbermarkt. Und das wird andere Bewerber motivieren, sich das nächste Mal auch bei Ihnen zu bewerben.
Der Begriff “Vorstellungsgespräch” macht deutlich, dass hier beide Seiten die Gelegenheit haben, sich vorzustellen. Es lohnt sich also, professionell Flagge zu zeigen.
Interview-Checkliste:
Notwendigkeit prüfen
Schriftliche Bewerbungen kritisch prüfen und mit dem Anforderungsprofil abgleichen. Wählen Sie aus den schriftlichen Bewerbungen nur die Kandidaten zum Interview aus, die mindestens 90% der Kriterien abdecken.
Inhalt, Ziel, Ablauf festlegen
Gesprächsleitfaden festlegen. Was genau wollen Sie über den Bewerber wissen? Offene Fragen stellen, hypothetische Fragen meiden (Grundlage Anforderungen). Wie wollen Sie Ihr Unternehmen, Aufgaben und Ziele der vakanten Position darstellen? Rollenverteilung bei mehreren Interviewern festlegen. Eventuell Betriebsbesichtigung?
Erste Runde klein halten
Falls erforderlich, nur Co-Interviewer auswählen, die unmittelbar am Entscheidungsprozess beteiligt sind. Alle rechtzeitig einladen und über den Bewerber detailliert informieren. Vorher Gehaltsangebot definieren
Timing einhalten
Vermutlich haben Sie an einem Tag mehrere Bewerber eingeladen. Terminplan konsequent einhalten, damit Wartezeiten bzw. Überschneidungen vermieden werden. Aus Diskretionsgründen sollten sich die Kandidaten in Ihrem Hause nicht begegnen.
Positive Atmosphäre schaffen
Freundlicher Empfang, lockeres Warming up helfen anfängliche Verkrampfungen abzubauen. Störungen vermeiden (Telefonate, Gesprächsunterbrechungen etc). Die positive Atmosphäre auch dann bis zum Ende beibehalten, wenn der Kandidat nicht infrage kommt. Auf sogenannte Stress-Interviews verzichten.
Dokumentation
erstellen
Informationen, Eindrücke, Vereinbarungen über den Bewerber und das weitere Vorgehen notieren. Das erleichtert später den objektiven Vergleich aller Kandidaten.
Resümee ziehen
Fragen Sie den Bewerber zum Schluss nach seinem Gesprächseindruck. Wurde sein Interesse an der Position gesteigert? Am Ende der Interview-Runde alle Kandidaten nach persönlicher und fachlicher Passgenauigkeit mit Ihrem Anforderungsprofil vergleichen.
Wenn Sie ihren Favoriten ausgewählt haben, handeln Sie schnell. Gute Leute
haben meist mehrere Eisen im Feuer!
* Die Autorin führt als Senior Consultant der VON BONIN Personalberatung jährlich mehrere hundert Interviews mit Fach- und Führungskräften
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